Bin ich eine Fachkraft? Die falsche Frage auf einem missverstandenen Arbeitsmarkt
In Kündigungsschutzverfahren und Verhandlungen über Aufhebungsverträge begegnet uns häufig dieselbe Frage: „Finde ich eigentlich schnell wieder einen Job?“ Die Antwort hängt weniger von allgemeinen Schlagworten wie dem Fachkräftemangel ab als von der individuellen Stellung auf dem Arbeitsmarkt.

„Überall herrscht Fachkräftemangel.“
Diesen Satz hören wir seit Jahren. Gleichzeitig lesen wir von Massenentlassungen, Einstellungsstopps und wirtschaftlicher Unsicherheit. Viele Beschäftigte fragen sich deshalb zu Recht:
Wenn Fachkräfte so dringend gesucht werden, warum verlieren dann so viele Menschen ihren Arbeitsplatz? Und woran lässt sich erkennen, ob die eigene Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich gefragt ist?
Die Antwort beginnt mit einem sprachlichen Missverständnis.
Den Arbeitsmarkt gibt es nicht
Wenn von „dem Arbeitsmarkt“ gesprochen wird, entsteht das Bild eines großen Marktplatzes, auf dem Arbeitgebende und Beschäftigte zusammentreffen. Tatsächlich gibt es aber nicht den einen Arbeitsmarkt, sondern viele verschiedene Arbeitsmärkte gleichzeitig.
Beschäftigte in einer Berliner Kita bewegen sich auf einem anderen Arbeitsmarkt als Ingenieur:innen im Maschinenbau. Arbeitsrechtler:innen konkurrieren nicht mit Marketingmanager:innen. Pflegekräfte haben andere Chancen als Berufseinsteigende im Medienbereich.
Deshalb können zwei Aussagen gleichzeitig wahr sein:
- Unternehmen finden keine Pflegekräfte.
- Jurist:innen, Ingenieur:innen oder Büroangestellte verlieren ihren Arbeitsplatz.
Das ist kein Widerspruch. Es sind unterschiedliche Teilmärkte. Fachkraft ist nicht gleich Fachkraft.
Das nächste Missverständnis betrifft den Begriff „Fachkraft“.
Im politischen Sprachgebrauch ist eine Fachkraft meist eine Person mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung oder einem Studium.
Für den Arbeitsmarkt ist diese Definition jedoch wenig hilfreich. Aus Sicht von Arbeitgebenden lautet die entscheidende Frage nicht:
Verfügt diese Person über eine Qualifikation?
Sondern:
Kann diese Person ersetzt werden?
Zwischen beiden Fragen liegt ein großer Unterschied.
Eine Fachkraft mit drei Jahren Berufserfahrung in einer Berliner Kita kann für die eigene Einrichtung schwerer zu ersetzen sein als Jurist:innen in einer Großkanzlei. Nicht weil die Ausbildung besser wäre, sondern weil vor Ort schlicht keine geeigneten Bewerbenden verfügbar sind.
Die wichtigere Frage lautet: Bin ich schwer zu ersetzen?
Viele Beschäftigte fragen sich, ob sie zu den gesuchten Fachkräften gehören.
Die interessantere Frage lautet: Was würde passieren, wenn ich morgen kündige?
Würde die Arbeitgeberseite sagen: „Schade. Wir schreiben die Stelle neu aus.“
Oder würde versucht werden, den Weggang zu verhindern? Die Antwort verrät oft mehr über den tatsächlichen Marktwert als jede Berufsbezeichnung.
Vier Tests für die eigene Marktposition
Wer wissen möchte, wie gefragt die eigene Arbeitskraft tatsächlich ist, kann sich vier einfache Fragen stellen.
1. Wie leicht finde ich einen neuen Job?
Stellen Sie sich vor, Sie müssten morgen eine neue Stelle suchen. Würden Sie innerhalb weniger Wochen mehrere Einladungen zu Vorstellungsgesprächen erhalten? Oder müssten Sie Dutzende Bewerbungen schreiben?
Der Arbeitsmarkt beantwortet die Frage nach dem eigenen Wert meist ehrlicher als das aktuelle Arbeitsverhältnis.
2. Wie leicht lässt sich meine Stelle nachbesetzen?
Nicht theoretisch. Praktisch. Könnte Ihre Position innerhalb weniger Wochen mit einer gleichwertigen Fachkraft besetzt werden? Oder würde die Suche Monate dauern? Je länger die Nachbesetzung dauert, desto stärker ist die eigene Position.
3. Welche Probleme löse ich?
Viele Menschen bewerten ihren Wert anhand ihrer Aufgaben. Arbeitgebende bewerten ihn anhand der Probleme, die gelöst werden.
Wer schwierige Mandant:innen beruhigt, Konflikte entschärft, komplexe Fälle bearbeitet oder Teams stabilisiert, schafft oft einen größeren Mehrwert als Personen mit einem beeindruckenden Lebenslauf.
4. Wer würde meinen Weggang bemerken?
Würden Kolleg:inen, Kund:innen, Mandant:innen, Eltern oder Vorgesetzte Ihren Weggang deutlich spüren?
Wenn die Antwort „Ja“ lautet, verfügen Sie wahrscheinlich über Fähigkeiten, Erfahrungen oder Beziehungen, die sich nicht ohne Weiteres ersetzen lassen.
Warum manche Beschäftigte unterschätzt werden
Viele Menschen verwechseln Qualifikation mit Marktwert.
Dabei entstehen die größten Engpässe häufig nicht durch Abschlüsse, sondern durch Kombinationen von Fähigkeiten.
Zum Beispiel:
- Fachkräfte in Kitas, die hervorragend mit herausfordernden Kindern arbeiten und gleichzeitig das Vertrauen der Eltern genießen.
- Beschäftigte in der Sachbearbeitung, die komplexe Prozesse beherrschen und neue Kolleg:innen einarbeiten.
- Jurist:innen, die fachlich stark sind, wirtschaftlich denken und langfristige Mandatsbeziehungen aufbauen.
Solche Kombinationen lassen sich deutlich schwerer ersetzen als einzelne Qualifikationen.
Was Beschäftigte tun können, um ihre Position zu verbessern
Die gute Nachricht lautet: Marktwert ist nicht statisch. Jede Person kann die eigene Position auf dem Arbeitsmarkt verbessern.
- Spezialwissen aufbauen: Menschen werden nicht wegen ihres allgemeinen Wissens gesucht, sondern wegen ihrer besonderen Fähigkeiten. Wer über Kenntnisse oder Fähigkeiten verfügt, die andere nicht haben, verbessert die eigene Verhandlungsposition.
- Verantwortung übernehmen: Nicht jede Verantwortung bedeutet Führung. Auch Projektverantwortung, die Einarbeitung neuer Kolleg:innen oder die Betreuung wichtiger Kund:innen erhöhen die eigene Bedeutung für das Unternehmen.
- Beziehungen aufbauen: Vertrauen ist oft wertvoller als Fachwissen. Menschen, die Kund:innen, Mandant:innen, Kolleg:innen oder Eltern langfristig an sich binden, werden schwerer ersetzbar.
- Lernfähigkeit zeigen: In einer sich schnell verändernden Arbeitswelt wird die Fähigkeit zu lernen zunehmend wichtiger als bestehendes Wissen. Arbeitgebende suchen nicht nur nach dem, was Menschen heute können. Sie suchen nach Personen, die morgen noch relevant sind.
Die wichtigste Erkenntnis: Viele Beschäftigte stellen die falsche Frage.
Nicht: Bin ich eine Fachkraft?
Sondern: Welchen Verlust würde mein Unternehmen spüren, wenn ich morgen nicht mehr da wäre?
Wer diese Frage ehrlich beantworten kann, versteht die eigene Position auf dem Arbeitsmarkt oft besser als durch jede Statistik über Fachkräftemangel.
Denn auf einem Arbeitsmarkt, der aus vielen unterschiedlichen Teilmärkten besteht, entscheidet nicht die Berufsbezeichnung über den eigenen Wert.
Entscheidend ist, wie schwer man zu ersetzen ist.


